Eigentlich fällt es kaum auf, aber sobald man es entdeckt, klebt es überall: an Straßenlaternen, Ampeln, Dachrinnen, Telefonzellen, Mülleimern, unter Brücken. Sogar auf der Mädchentoilette der Contibibliothek wurde eins gesichtet. Es ist einfach da: das schwarz-weiße Auge, das Arrrgh-Auge. Aber was soll das eigentlich?

„Das Auge ist Jesus, es passt immer auf uns auf.“
Wiebke, Studentin
„Das Auge ist bestimmt das Logo von den Herstellern der Ampeln. Oh! Und von den Laternen, da klebt es auch dran. Das macht bestimmt die Stadt. Ist ja auch logisch, da gibt sich doch keiner die Mühe und klebt die überall auf.“
Anna und Marc, Studenten
„Es ist überall, es ist das alles sehende Auge und ein sehr cooles Auge dazu, sehr modisch. Es trägt mittlerweile auch jeder, als Button oder Aufnäher auf der eigenen Tasche.“
Julia, Chefin
Die Augen an Hannovers Straßenlaternen
text: natalie basedow
Einige halten es für das Logo einer englischen Schuhfirma, andere für einen Abklatsch des türkischen Halbmondes, das Zeichen für geheime Nazitreffen oder einfach für Dekoration besonders hässlicher Ecken in Hannover. All diese Interpretationen sind erstaunlich, aber auch irgendwie unbefriedigend, sucht man nach einer ernsten, plausiblen Begründung. Überall diese Augen, aber keine Antwort. Irgendwer muss die schwarz-weißen Sinnesorgane doch auch an die Straßenlaterne kleben, das kann doch unmöglich nur ein einziger Verrückter sein, ein Augenfetischist, eine Untergrundorganisation, jemand der schreckliche Langeweile hat. Eine unfreiwillige Wartepause an der Ampel am Schwarzen Bär, direkt gegenüber von Woolworth (diese Ampel ist für Fußgänger eigentlich immer rot) gibt einen Hinweis: www.arrrgh.org steht klein, in weißen Buchstaben neben dem Auge. Alles klar, ab ins Netz: „Arrrgh ist kein politisches Statement, kein Protest gegen Guantanamo, kein britischer Schuh-konzern und auch kein unterirdisches, russisches Labor.“ Ok. Das alles ist Arrrgh nicht, aber was ist es dann und was ist der Sinn?
Hanns* weiß die Antwort bestimmt, er ist sozusagen der Schöpfer des Auges und kommt zufällig aus Hannover. Mit seinem korrekten Namen möchte er hier nicht erwähnt werden, denn Kunst soll für sich stehen. Zurück zum Auge. Zurück zum Sinn des Auges. Was soll das? Hans schmunzelt, seine Blicke lassen darauf schließen, dass ihm diese Frage öfter gestellt wird. Das Arrrgh-Auge habe keinen Sinn, kein Ziel. Es sei schlicht und ergreifend, was sonst niemand sein möchte: sinnlos. Zunächst eine komische Vorstellung, so scheint es doch, als bestehe ein beträchtlicher Teil des Lebensinhalts des Menschen darin, dem eigenen Handeln, Leben und noch so überflüssigen Dingen einen Sinn zu geben. Nicht so bei Arrrgh, auf den ersten Blick zumindest. Denn aus dem absoluten Drang etwas Unsinniges zu schaffen, schafft Arrrgh etwas, das durchaus Sinn macht. Die Bedeutung der Augen an Hannovers Straßenlaternen hängt einzig und allein von der Kreativität seiner Betrachter ab, angetrieben vom besten aller Phantasiemultiplikatoren: Unwissenheit. Diese Unwissenheit macht es möglich: ein Auge, unbegrenzte Deutungsfreiheit. Und das ist gewollt. Ja, das ist der Sinn: „Je unaufgeklärter die Menschen, desto skurriler die Interpretationen, desto höher die abstrakte Ebene“, meint Hans und lächelt. Das Erstaunliche: Das Arrrgh-Auge wirkt wie Werbung, Werbung für Nichts. Es ist einfach da, und nicht nur in Hannover. 200.000 Augen kleben mittlerweile in der ganzen Welt. Ampeln und Straßenlaternen in New York, Madrid, Hamburg, Berlin, Moskau, Hong Kong, Vietnam, Marokko und Jamaika erobert es. Die schwarz-weiße Revolution weitet sich übers world wide web aus. Über das Internet kann sich jeder das Auge herunterladen, die Verwendung ist jedem selbst überlassen. „Im Idealfall machst du ein paar tausend Kopien und plakatierst die Welt damit“, ergänzt Hans. Kunst für lau, für jeden, der Bock hat, und ganz ohne Copyrightdiskussion. Kopien sind erwünscht, nicht verboten. Hans selbst klebt die Augen am liebsten dort hin, wo sie der Betrachter erst beim 20. Mal hingucken sieht. Ärger bekommen hat er dafür natürlich auch schon mal. Nicht unbedingt für einen kleinen Sticker, aber für vier mal vier Meter Tapeten voll mit den Sinnesorganen. Das hindert ihn aber nicht am tapezieren: „Das ist Kunst, dafür braucht man keine Erlaubnis.“ Die Augen stören ja niemanden. Und im Gegensatz zum Graffiti können die Augen einfach wieder abgerissen werden. Die meisten freuen sich allerdings über die Augen, auch manchmal Omis und Polizisten. Arrrgh ist ein unkommerzielles Projekt, die Unkosten finanziert, laut website, die kolumbianische Kokain-Industrie. Auch Unsinn ist nicht umsonst.
*Name von der Redaktion geändert.





Unglaublich dieses Auge! Wenn man einmal drauf achtet ist es wirklich überall. Ich war letztens in Barcelona, selbst da an jeder Ecke, da fühlt man sich als Hannoveraner gleich heimisch. Super Artikel. Freu mich auf hanns in print.